John Stotts prophetische Worte #2

Im ersten Teil dieser kleinen Reihe habe ich ein Zitat von John Stott vorgestellt, in dem er 1982 erstaunlich präzise die digitale Vernetzung unserer heutigen Welt vorausgesehen hat. Beim Weiterlesen in „I Believe in Preaching“ bin ich auf einen zweiten Abschnitt gestoßen, der mich nicht weniger fasziniert. Diesmal geht es nicht um Computer und Mikroprozessoren, sondern um das Leitmedium seiner eigenen Zeit: das Fernsehen.

Stott widmet ihm mehrere Seiten und beschreibt fünf „schädliche Tendenzen“, die das viele Fernsehen mit sich bringe. Am Ende fasst er sie in einer Aufzählung zusammen, die hängen bleibt: Das Fernsehen fördere „physical laziness, intellectual flabbiness, emotional exhaustion, psychological confusion and moral disorientation“ – körperliche Trägheit, intellektuelle Schlaffheit, emotionale Erschöpfung, psychologische Verwirrung und moralische Desorientierung. Und am meisten, so fügt er hinzu, litten darunter die Kinder.

Man muss sich die Szene vorstellen: Stott schreibt das Anfang der 1980er Jahre. Das Fernsehen ist das Massenmedium, drei oder vier Programme, ein Gerät pro Haushalt, das abends im Wohnzimmer läuft. Ein Pastor, der vor diesem Apparat warnt, klingt damals vermutlich für manche so, wie ich es mir im ersten Artikel schon gefragt habe: ein bisschen übertrieben, ein bisschen kulturpessimistisch. Heute liest sich die Liste anders.

Erstaunlich treffend – und erstaunlich harmlos

Wenn ich Stotts fünf Punkte heute durchgehe, ertappe ich mich bei einem doppelten Gedanken. Der erste: Wie hellsichtig. Seine Diagnosen lassen sich fast eins zu eins auf unsere Bildschirme übertragen.

Die körperliche Trägheit – Unterhaltung auf Knopfdruck, warum noch rausgehen? Die intellektuelle Unkritikheit – „more pictures than arguments“, Bilder statt Argumente, die Politik, die das Image über die Sache stellt (Stott illustriert das ausgerechnet am Wahlkampf-Coaching für Richard Nixon). Die emotionale Abstumpfung – die Bilder von Krieg, Hunger und Katastrophe, die wir nicht mehr ertragen und gegen die wir uns innerlich „abschalten“. Die psychologische Verwirrung – die künstliche, geschnittene „reel world“, in der wir nur noch aus zweiter Hand teilnehmen. Und die moralische Desorientierung – nicht das plumpe Nachahmen, sondern die schleichende Verschiebung dessen, was wir für „normal“ halten. „We have been conned“, schreibt Stott. Wir wurden hereingelegt.

Der zweite Gedanke aber ist: Wie harmlos das Fernsehen im Rückblick wirkt. Stotts Sorgen waren berechtigt – und sie sind heute noch berechtigter, nur richten sie sich längst nicht mehr gegen den Kasten im Wohnzimmer. Sie richten sich gegen das Gerät in unserer Hosentasche. Und genau hier wird es interessant, denn das Smartphone ist kein größerer Fernseher. Es ist etwas anderes.

Vom Fernseher zum Smartphone – und warum der Unterschied entscheidend ist

Mir scheinen fünf Unterschiede entscheidend:

Erstens der Ort. Der Fernseher stand im Wohnzimmer. Man musste sich zu ihm hinsetzen, und man konnte ihn verlassen. Stott rät den Eltern, den Zugang der Kinder zu kontrollieren – das war damals möglich, weil es einen Apparat an einem Ort gab. Das Smartphone aber kennt keinen Ort. Es ist beim Essen dabei, im Bett, im Wartezimmer, auf dem Friedhof. Es gibt kein „rausgehen“ mehr, weil das Medium mitgeht. Die Grenze zwischen Mediennutzung und Leben ist nicht mehr verschoben – sie ist verschwunden.

Zweitens die Richtung. Das Fernsehen war eine Einbahnstraße: Sender oben, Zuschauer unten. Stott tut darum Marshall McLuhans Rede von der „Partizipation“ als übertrieben ab – die Leute wollten abends nicht mitmachen, sondern konsumieren. Beim Smartphone aber stimmt die Partizipation plötzlich: Wir konsumieren nicht nur, wir produzieren. Wir posten, kommentieren, liken, teilen. Das klingt nach einem Fortschritt – ist aber oft eine Pseudo-Beteiligung, die echte Begegnung nicht herstellt, sondern simuliert. Und es hat einen Preis, den das Fernsehen nicht kannte: Wir sind nicht mehr nur Zuschauer, sondern selbst das Produkt. Unsere Aufmerksamkeit und unsere Daten sind die Ware.

Drittens der Algorithmus. Das Fernsehen zeigte allen dasselbe. Stotts Sorge um die verschobene „Normalität“ galt einer gemeinsamen Massenkultur – „everybody does it“. Heute aber bekommt jeder seinen eigenen Feed, sein eigenes „Normal“, maßgeschneidert auf seine Schwächen. Die moralische Desorientierung ist nicht mehr kollektiv, sondern fragmentiert. Es gibt kaum noch einen geteilten Konsens, gegen den eine Gemeinde überhaupt „kontra“ sein könnte – jeder lebt in seiner eigenen Blase, und keine gleicht der anderen.

Viertens das Design. Das Fernsehprogramm hatte ein Ende. Irgendwann kam der Sendeschluss. Der Feed hat kein Ende – und das ist kein Zufall, sondern Absicht. Endloses Scrollen, variable Belohnung, der nächste Clip, der bessere Treffer könnte ja gleich kommen. Was Stott „spectatoritis“ nannte, war Passivität. Was wir heute erleben, ist Sucht by Design, von hochbezahlten Teams gezielt entworfen.

Fünftens die KI. Stotts „reel world“, die künstliche Studiowelt, ist heute noch eine Stufe unwirklicher geworden. Gefilterte Selbstdarstellung, kuratierte Highlight-Reels fremder Leben, mittlerweile KI-generierte Bilder und Stimmen, die von echten nicht mehr zu unterscheiden sind. Malcolm Muggeridges Kontrast zwischen der „Fantasie der Medien“ und der „Wirklichkeit Christi“, den Stott zitiert, ist damit nicht überholt, sondern zugespitzt.

Wo ich Stott widerspreche

An einer Stelle würde ich Stott heute widersprechen – und es ist ihm zu Ehren gesagt, denn er hätte den Widerspruch vermutlich begrüßt. Am Ende seines Abschnitts beschwichtigt er: Er wolle niemanden auffordern, den Fernseher zu verkaufen oder zu zertrümmern. Der Schaden liege „mehr an der schlechten Qualität mancher Programme und am unkritischen Konsum als am Medium selbst“. Als Medium biete das Fernsehen „mehr Segen als Fluch“.

Diese gelassene Neutralitäts-These – nicht die Technik sei das Problem, sondern ihr Missbrauch – trägt beim Smartphone nicht mehr ohne Weiteres. Stimmen wie der Sozialpsychologe Jonathan Haidt argumentieren überzeugend, dass das Problem eben nicht nur der schlechte Inhalt ist, sondern das Design selbst: die bewusst eingebaute Sogwirkung. Ein Werkzeug, das gezielt darauf optimiert ist, unsere Selbstkontrolle zu unterlaufen, ist nicht im selben Sinne „neutral“ wie ein Fernsehgerät. Ich glaube, hier müssen wir einen Schritt weiter gehen als Stott und ehrlich sein: Manche dieser Werkzeuge sind nicht nur anfällig für Missbrauch, sie sind auf etwas Ungesundes hin gebaut.

Und – auch das hätte Stott vermutlich gefallen, denn er selbst dreht seine Kritik an der „elektronischen Kirche“ gegen die eigene Zunft – diese Ehrlichkeit dürfen wir nicht nur nach außen richten. Wir Gemeinden beklagen die Aufmerksamkeitsökonomie und betreiben gleichzeitig unser Gemeinde-Instagram, optimieren Reels und messen Reichweiten. Die Gefahr ist real, dass die Gemeinde selbst zur „Programm-Veranstaltung“ im großen Aufmerksamkeitswettbewerb wird – und damit genau das verliert, was sie eigentlich zu bieten hätte.

Was heißt das für die Gemeinde?

Stott zieht aus seiner Fernseh-Diagnose drei Schlüsse, und sie tragen, wenn man sie ins Heute übersetzt, erstaunlich gut.

Sein erster Schluss: keine reaktionäre Technikfeindlichkeit, aber bewusste Disziplin. Er ruft damals vor allem die Eltern in die Pflicht. Heute, glaube ich, geht es nicht mehr nur um Kinder, sondern um uns alle. Aufmerksamkeit, Stille, ungeteilte Präsenz – das sind keine Selbstverständlichkeiten mehr, sondern Dinge, die eingeübt werden müssen. Vielleicht ist die Wiederentdeckung der Aufmerksamkeit als geistliche Disziplin eine der dringendsten Aufgaben christlicher Bildung in unserer Zeit.

Sein zweiter Schluss: Christen sollen die Medien nicht nur beklagen, sondern gestalten. Das gilt weiter. Aber zum Gestalten gehört heute auch das Vorleben von Grenzen – eine sichtbare Gegenkultur der Präsenz, in der man erlebt, dass es auch anders geht.

Sein dritter Schluss betrifft uns Prediger unmittelbar: Wir müssen mit einer Gemeinde rechnen, deren Wahrnehmung von den Bildschirmen geformt ist. Stott beschreibt, wie beim Predigtbeginn die Leute innerlich „abschalten“ – man höre fast das Klicken. Dieses Klicken ist heute schneller und leiser als je zuvor; eine algorithmisch trainierte Aufmerksamkeitsspanne ist auf Sekunden geschrumpft. Und doch zieht Stott daraus nicht den Schluss, das Predigen aufzugeben. Im Gegenteil: Gerade weil es etwas Einzigartiges und Unersetzliches ist, lohnt es sich, um die Aufmerksamkeit der Menschen zu kämpfen.

Und damit schließt sich für mich der Kreis zum ersten Artikel. Stotts Vision von 1982 war ja, dass gerade in einer entmenschlichten, verkabelten Welt die Ortsgemeinde wichtiger werden würde – als Ort, an dem Menschen einander persönlich begegnen, statt nur über Bildschirme. Seine Fernseh-Kritik und seine Computer-Prophetie zeigen am Ende in dieselbe Richtung.

Die Gemeinde hat hier eine riesige Chance, und sie darf ruhig kontra-zeitgeistig sein. Sie ist der Ort, an dem ein Mensch zu Menschen redet – leibhaftig, ungefiltert, nicht algorithmisch sortiert. Der Ort, an dem niemand mein Produkt ist und meine Aufmerksamkeit nicht zum Produkt wird. Gleichzeitig ist die Gemeinde ein Ort, an dem Gott selbst zu uns Menschen redet und mit uns in Gemeinschaft tritt. Sie ist der Ort, an dem ich nicht von zweiter Hand teilnehme, sondern ganz da sein darf, mit Leib und Seele, vor Gott und voreinander.

Denn das ist und bleibt der Kern unseres Glaubens: Gott ist Mensch geworden. Leibhaftig. Nicht als Stream, nicht als Feed, nicht als Avatar – sondern wirklich. Und die Gemeinde, die ihm nachfolgt, darf in einer Welt der Fantasie der vielleicht letzte Ort echter, geerdeter Wirklichkeit sein.

John Stotts prophetische Worte #1

Ich bin vor einigen Tagen auf dieses Zitat von John Stott aus dem Buch „I Believe in Preaching“ gestoßen (S. 69):

It is difficult to imagine the world in the year 2000, by which time versatile microprocessors are likely to be as common as simple calculators are today. We should certainly welcome the fact that the silicone chip will transcend human brain-power, as the machine has transcended human muscle-power. Much less welcome will be the probable reduction of human contact, as the new electronic network renders personal relationships ever less necessary.  
In such a dehumanized society, the fellowship of the local church will become increasingly important—whose members meet one another, and listen and talk to one another in person rather than on screen. In this human context of mutual love, the speaking and hearing of the Word of God is also likely to become more necessary for the preservation of our humanness, not less.

John Stott hat diese Zeilen 1982 geschrieben, wenige Jahre nachdem Apple seine ersten Computer vorgestellt hat und fast zeitlich mit dem Erscheinen des ersten IBM PC. Der Mac erschien erst einige Jahre später und PCs begannen erst 10-15 Jahre später wirklich massentauglich zu werden und den Markt zu erobern. John Stott beschreibt hier eine Zukunft, die damals noch im embryonalen Stadium steckte. Nicht nur beschreibt er die breite Präsenz und Verfügbarkeit moderner Computer-Systeme. Er beschreibt gleichzeitig auch die immer stärkere Vernetzung der Menschen durch diese Computer-Systeme. Zu dieser Zeit bestand der Vorläufer des modernen Internet, das ARPANET, aus ca. 200 miteinander vernetzten Server-Computern. 

Ich finde es unfassbar faszinierend, wenn es Menschen gelingt wirklich einen Blick in die Zukunft zu werfen. Mich würde es interessieren, wieviele seiner Leser damals gedacht haben, dass der gute Herr Stott es doch ein bißchen übertrieben hat mit seiner Begeisterung und ihm etwas frische Luft gut täte. 

Heute sehen wir, dass er vollkommen Recht gehabt hat. Nicht nur sind Computer mit Mikroprozessoren in Form von Smartphones, Smartwatches, Spielekonsolen etc. fast allgegenwärtig. All diese Geräte sind über Wlan, Bluetooth etc. fast ununterbrochen miteinander vernetzt. Und auch wir Menschen sind über diese Geräte durch Soziale Medien, Spiele, Videos, Message-Dienste potentiell zu jeder Zeit miteinander vernetzt.

In der Corona-Zeit erreichte diese technologische Entwicklung in einem massivem Push auch Kirchen und Gemeinden. Aufgrund fehlender Präsenz-Treffen integrierte man Technologien wie Livestreams, Zoom-Meetings etc. Selbst als Präsenz-Treffen wieder eingeschränkt möglich waren, führten manche Gemeinde reine digitale Treffen fort, andere wechselten zu hybriden Formaten, während manche Gemeinden alles digitale wieder ganz zurückgefahren haben. 

Auch in unserer Gemeinde haben wir uns damit beschäftigt, ob wir unsere Livestreams weiterführen wollen. Es gab Stimmen in beide Richtungen: Man muss doch mit der Zeit gehen und Livestreams sind eine missionarische Chance –  sagen die Einen. Wir müssen nicht alles ins Netz strahlen und die Livestreams halten nur Menschen vom Besuch der Gottesdienste ab – sagen die Anderen.

Ich selbst hatte nie die Sorge davor, dass Livestreams und digitale Medien Menschen vom Gottesdienst abhalten. Aber ich war und bin auch nicht vom Konzept einer „digitalen Kirche“ überzeugt. Ein Livestream kann die Begegnung vor Ort nicht ersetzen. Die stark gestiegenen Besucherzahlen bei uns nach dem Ende der Corona-Zeit bestätigen mich in dieser Einschätzung. 

Ich gebe Stott völlig Recht, dass die digitale Vernetzung niemals echte, menschliche Kontakte ersetzen kann. Ich bin überzeugt: Je stärker die digitale Entwicklung durch soziale Medien, KI und Virtuelle Realitäten zunimmt, umso stärker wird bei vielen auch die Unzufriedenheit darüber zunehmen und äquivalent dazu die Sehnsucht nach echten Beziehungen und Begegnungen.

Hier hat die christliche Gemeinschaft eine riesige Chance. Hier darf sie gerne Kontra-Zeitgeistig sein und ihre Gottesdienste – auch vor und nach dem offiziellen „Start“ – ganz bewusst als Orte der echten und authentischen Begegnungen von Menschen miteinander und genauso von Menschen und Gott gestalten und nicht einfach als „Programm-Veranstaltungen“. 

Larry Sanger über Gottesbeweise

In seiner Geschichte über seine Hinwendung zum Glauben an Jesus hat Larry Sanger sich auch mit den verschiedenen Gottesbeweisen beschäftigt. Anfangs fand er sie für sich genommen nicht überzeugend, bis es „Klick“ gemacht hat. Seine Zusammenfassung trifft genau den Punkt, um den es bei den Gottes-Beweisen geht. Es geht nämlich nicht darum, dass ein einzelner Beweis ein „Gotcha“ ist, der dich restlos überzeugt. Vielmehr ist es das Zusammenspiel der verschiedenen Herangehensweisen, dass die statistische Plausibilität der Existenz Gottes massiv erhöht:

This is a greatly condensed summary; I developed these ideas in much greater depth. But beyond such details, what I dwelled upon more than anything is the fact that the arguments taken together are far more persuasive than I had understood. Individually, the arguments might seem relatively weak. As I said, the Argument from Contingency only shows that a necessary being exists. The Argument from Causality shows only that the universe had a cause outside of itself. The Argument from Design shows only that the universe has some sort of designer or other. An Argument from Morality might add that the designer is benevolent, to some degree, in some way, but not even necessarily personal. But what happens when we combine all the arguments to make a unified case for the existence of God? I’m not sure the idea had ever dawned on me, certainly not with its present vividness. Taken together, the arguments point to a necessary being that exists apart from space, time, and matter. This is the very cause of the universe, which was designed according to orderly abstract laws. Ever more complex properties emerge, one from another, with great beauty and rationality—rationality that exhibits various mind-like features. This order can even be described as good, a cosmos indeed, because life and its preservation seem to be part of the plan, and life is the very standard of value.

Larry Sanger und ein Glaube, der durch den Kopf geht

Dank Ron Kubsch bin ich auf die spannende Geschichte von Larry Sanger gestoßen und wie er von einem Skeptiker zu einem Jesus-Nachfolger wurde. Larry Sanger ist einer der Mitbegründer der Wikipedia.

Beim Lesen ist mir folgende Passage aufgefallen:

I was 17 and four or five years had passed since my confirmation. In the intervening time, I had only rarely thought about God. But I started again, now in a philosophical mode, and it came as something of a discovery that I did not seem to believe in God anymore. At some point in my late teens, I remember calling up a pastor—I forget which—to ask skeptical questions. It felt bold for a teenager to do, but I was not merely being rebellious. I really needed help thinking these things through. But the pastor had no clear or strong answers. He seemed to be brushing me off and even to treat me with contempt. It seemed to me he did not care, and if anything, I had the impression that he felt threatened by me. This was a surprise. The damage was quickly done: being met with hostile unconcern by a person I expected to be, well, pastoral confirmed me in my disbelief.

Diese Passage deckt sich sehr stark mit vielen Aussagen aus dem Buch „Warum ich nicht mehr glaube“ von Tobias Faix et al. In diesem Buch berichten Menschen darüber wieso sie irgendwann ihren Glauben verloren haben. Und eine wiederkehrende Antwort war entweder „Man wollte meine Fragen nicht hören“ oder „Man konnte mir keine Antworten geben“.

Damals war ich noch frisch im Dienst. Nachdem ich das Buch gelesen hatte, habe ich mir als ein Motto für meinen Dienst gegeben: „Jede Frage ist Ok. Und speise niemanden mit billigen Antworten ab.“

Für viele ist der Glaube keine Frage von Ratio und Verstand. Für viele ist es wichtiger, dass sie den Glauben fühlen und erleben. Aber es gibt eben auch viele Menschen, die sehr wohl mit Kopf und Verstand „glauben“ müssen und wollen. Ich bin einer davon.

Natürlich kann man nicht erwarten, dass jedes Gemeindemitglied Antworten auf philosophische und wissenschaftliche Anfragen an den Glauben hat. Aber ich glaube nicht, dass es zuviel verlangt ist, dass jemand, der Pastor sein will, intellektuell eine gewisse Grundbildung mitbringt und sich informiert und einliest.

Ich bin der Meinung, dass ein Pastor sich zumindest mit den häufigsten Anfragen an den Glauben auseinandergesetzt haben sollte und darauf Antworten geben kann. Dass man bei so einer Frage zumindest sagt: „Weißt du was, das ist eine sehr gute Frage, auf die ich jetzt keine Antwort habe. Aber ich werde mich hinsetzen und darüber nachforschen und dann melde ich mich.“

Und wenn man selbst keine Antworten hat, dann sollte man zumindest wissen, wohin man jemanden verweisen kann.

Von Kirchen und Pferden

Johannes Wischmeyer, „Wir haben verstanden – Wie die evangelische Kirche wieder missionarischer wird“

https://www.welt.de/debatte/kommentare/article248677702/KMU-Studie-Wie-die-evangelische-Kirche-wieder-missionarischer-wird.html

„Ja, die Kirchen müssen vor allem den Glauben gut vermitteln, um gegenzusteuern. Aber das können sie eben nur, wenn sie sich auch an politischen Erwartungen der Gesellschaft anpassen.“

Dieser Text erinnert mich an das berühmte Zitat, das Henry Ford zugeschrieben wird: „Wenn ich die Leute gefragt hätte, was sie wollen, hätten sie gesagt ’schnellere Pferde'“.

Der Autor verweist darauf, dass die meisten Befragten der Meinung sind, die Kirchen entwickeln sich inhaltlich in die richtige Richtung. Daraus kommt er zum Fazit, dass die Kirche diese inhaltliche Entwicklung weiterführen muss + etwas mehr Rückbesinnung darauf, dass sie ja irgendwie „christlich“ ist.

Ich bin da skeptisch. Ich zweifle daran, dass die Menschen, die diese Antwort gegeben haben, irgendwann mal überzeugte und engagierte Kirchgänger werden, nur weil die Kirche sich weiter im gesellschaftlichen Strom vorwärtsbewegt.

Denn was sollen die befragten Menschen, die augenscheinlich diese inhaltlichen Positionen selbst teilen, denn sonst antworten? Etwa: „Ach wissen Sie, ich würde mir wünschen, dass die Kirche sich mehr gegen den gesellschaftlichen Strom stellen würde und mehr rückwärtsgewandt wäre und weniger das vertreten würde, wovon ich überzeugt bin …“?? Natürlich wünschen sich die Menschen, dass die Kirche stärker die Positionen übernimmt, die sie selbst bereits teilen.

Das sagt aber gar nichts darüber aus, dass die Kirche dadurch durch-säkularisierte Menschen irgendwie für sich gewinnen würde. Sie stirbt auf diesem Weg nur halt langsamer. Denn natürlich würden sich noch viel mehr Menschen viel schneller von der Kirche abwenden, wenn sie sich plötzlich auf ihren Auftrag besinnen würde, das Evangelium von Jesus zu verkündigen.

Aber ob es nun 10 oder 50 Jahre dauert: Am Ende wird die Kirche so oder nur ein Schatten ihrer selbst sein, weil die Zeit der Volkskirchen zu Ende geht.